Die Renaissance der Stulle

Neue Bescheidenheit: Um Geld zu sparen, machen Deutsche sich wieder vermehrt ein Butterbrot

Schnitte, Stulle, Bütterken, Knifte, Bemme: Das belegte Brot hat viele Namen. In Deutschland ist es ein wichtiges kulinarisches Kulturgut, wenn man so will. Es ist ein Klassiker bodenständiger Energiezufuhr. Ob zum Frühstück, als Mittagssnack oder als Abendbrot – das Butterbrot scheint in Zeiten teurer werdenden Essengehens wieder populärer zu werden, wie eine neue Umfrage zeigt.

„Ich greife auf die Stulle zurück, um Geld zu sparen“, sagen aktuell rund 30 Prozent der Erwachsenen im zuletzt inflationsgeplagten Deutschland. Das geht aus der repräsentativen YouGov-Umfrage hervor. Auffällig: Jüngere sagen das viel eher. So sind es bei den Leuten zwischen 18 und Mitte vierzig um die 43 Prozent, bei den über 55-Jährigen lediglich 19 Prozent.

„Das Butterbrot- und Brötchen-Essen passt gut zu den Lebens- und Essgewohnheiten unserer Zeit“, sagt die Kunst- und Kulturhistorikern Irene Krauß. Belegte Brote seien unkompliziert zu verzehren und machten lange satt. „Immer mehr Menschen frühstücken eben nicht mehr zu Hause und essen regelmäßig außer Haus.“ Diese Entwicklung hänge etwa mit längeren Anfahrtswegen zur Arbeit oder auch mit der Ganztagsschule zusammen.

„Zu dem Trend passen Bäckereien und Backshops, in denen man sich neben einem Brot oder Sandwich auch Kaffee holen kann. Das alles ist nicht ausgesprochen ,billig‘, aber günstiger, als essen zu gehen, ist es allemal“, sagt Krauß, die früher das Ulmer Museum Brot und Kunst leitete. Außerdem, so betont Krauß, sei die moderne Stulle in ihrer Vielfalt oft auch gut für Vegetarier und Veganer geeignet. Laut der neuen Umfrage sagen um die 37 Prozent der 18- bis 44-Jährigen in Deutschland: „Ich bin eher der Avocadobrot-Typ als der Wurstbrot-Typ.“ Bei den über 55-Jährigen sind es lediglich 17 Prozent.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass die Stulle Ausdruck einer – vielleicht sogar erzwungenen – neuen Bescheidenheit und eine Reaktion auf die steigenden Lebenshaltungskosten ist“, sagt der Ernährungssoziologe Stefan Wahlen.

Doch nur auf die Kosten zu schauen, greife zu kurz. Die Stulle stehe symbolisch auch für Authentizität und Einfachheit, meint der Professor von der Uni Gießen. „In gewisser Weise verbindet die Stulle Tradition und Moderne, denn letztlich greift sie auf traditionelle Ernährungsmuster zurück und wird zum zeitgemäßen Statement für Effizienz und Einfachheit im hektischen Alltag.“

Bild: Freepik

Das zeige sich auch am zunehmenden Trend des sogenannten Meal Prep (Mahlzeitvorbereitung). „Die Stulle ist ein kleiner Akt der Selbstermächtigung. Durch die eigene Zubereitung gewinne ich auch ein Stück weit die Kon­trol­le darüber zurück, was auf meinem Teller landet“, sagt der Soziologe.

Text: Redaktionsnetzwerk Deutschland

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